Auf den Spuren der Sorben - Unterwegs in der Oberlausitz

30.09.2015 10:53

Es ist die dritte Studienfahrt der deutschsprachigen evangelischen und katholischen Gemeinde, sowie der Ackermann Gemeinde, die die Teilnehmer der Fahrt dieses Jahr in die Oberlausitz führte. Am Wochenende vom 19.-20. September machten sich 23 Teilnehmer auf den Weg in das sorbische Gebiet von Sachsen. Mit dem Bus fuhren die Teilnehmer der Studienreise früh morgens los, auf dem Weg zu ihrer ersten Station. Die erste Station der Studienreise sollte der nahe, an der deutsch-polnisch-tschechischen Grenze gelegene Ort Zittau sein, wo vor allem die kunsthistorisch bedeutsamen Fastentücher aus dem Spätmittelalter die Aufmerksamkeit der Besucher des Ortes auf sich lenkten. Ein Fastentuch, auch als Hunger- bzw. als Passionstuch bezeichnet, ist eine Art Vorhang, der in der Fastenzeit vor Ostern vor allem in den katholischen Kirchengebäuden die bildliche Darstellung Jesu, das Kruzifix, verhüllen soll. Dadurch soll neben dem leiblichen Fasten auch ein Fasten der Augen hinzukommen, indem der Corpus Christi, und auch das Messgeschehen dem Gläubigen bis zum Osterfest nicht sichtbar ist. Durch den verwehrten Blick in den Altarraum soll sich der Gläubige ganz auf das heilsgeschichtliche Geschehen konzentrieren, auf die Passion und auf die Auferstehung Jesus Christi. Erst mit dem Osterfest wird der Blick in den Altarraum, zum Kreuz und zur Heiligen Messe wieder frei und auch ganz sinnlich die „Dramatik des Osterfestes“ dem Gläubigen spürbar. Ein schönes Beispiel dafür, dass mittelalterliche Frömmigkeit im besten Sinne sinnlich und dramatisch war. Die sogenannten Fastentücher könnte man auch als Bilderbibel bezeichnen, da sie oft farbenfroh und reich bestickt biblische Motive tragen. Das 1472 entstandene „Große Zittauer Fastentuch“, welches Motive von der Erschaffung der Welt bis zum Jüngsten Gericht zeigt, hat eine Höhe von 8,20 m und eine Breite von 6.80 m. Der erste Halt war also ein gelungener Auftakt für die weiteren Stationen. Der nächste Halt durch die Oberlausitz sollte Herrnhut sein. Herrnhut als Gründungsort der Herrnhuter Brüdergemeine ist insbesondere im evangelischen Bereich sehr bekannt. Die Gründung der Gemeine verdankt man Nikolaus Graf von Zinzendorf, der 1722 Böhmischen Brüdern (Glaubensflüchtlinge aus Mähren) Schutz und Aufnahme auf seinem Gut Berthelsdorf gewährt. Mit der Zeit entstand eine Arbeits- und Lebensgemeinschaft in Herrnhut, tief geprägt von der pietistisch geprägten Theologie Zinzendorfs. Bekannt in aller Welt wurde die Herrnhuter Bewegung durch ihre weltweite Missionstätigkeit, die Herrnhuter Adventssterne und ihre Losungen, ein kleines Erbauungsbüchlein, das für jeden Tag zwei kurze Bibelstellen zur Stärkung bereithält. Die Gruppe besuchte neben dem Kirchsaal, der nach Herrnhutischem Verständnis als „Gute Stube der Gemeine“ bezeichnet wird, auch den sogenannten Gottesacker, den Friedhof, auf dem selbst Zinzendorf und weitere prägende Gestalten der Bewegung beigesetzt sind. Nach einem Rundblick vom Hutenberger Aussichtsturm herab, ging es weiter nach Schmochtitz, wo für die Teilnehmer nach dem Abendessen im „Bischof Benno Haus“ ein sorbisches Programm geboten wurde. Über das sorbische Leben gut informiert, war nun die Gruppe ausreichend eingestimmt auf den nächstfolgenden Tag - auf den Sonntag, an dem man sich noch einmal ganz intensiv den Sorben zuwandte. Die Studiengruppe fuhr nach dem Frühstück mit dem Bus nach Radibor zu der „Toleranzkirche“ in der Oberlausitz. Dort stand ein Gottesdienst auf dem Programm. Es war beeindruckend zu sehen, dass die große Kirche sehr gut gefüllt war und eine leidenschaftliche sorbische Gemeinde mit ihrem Gesang zudem das große Kirchenschiff erfüllte. Nun ging es weiter nach Bautzen. Nach einem Stadtspaziergang, kehrte die Gruppe in ein traditionell sorbisches Restaurant ein. Auf der Speisekarte stand u.a. ein sorbisches Hochzeitsessen und hierzu wurde auch das sorbische Bier gereicht. Den Abschluss der Reise bildete eine Besichtigung des in Bautzen befindlichen Sorbischen Museums – ein sehr modernes und informatives Museum. Hier holten sich die Teilnehmer abschließend weitere Informationen über das Leben und die Kultur der Sorben. Dankenswerterweise war das Wetter an beiden Tagen immer strahlend schön, sodass auch der müdeste Teilnehmer immer glücklich aus dem Bus stieg. Eine sehr gelungene Studienfahrt der deutschen evangelischen, katholischen und Ackermann Gemeinde fand so am Sonntagabend ihren Abschluss.

 

Sven Schmidt

Foto: Leandra Irnstetter