Ein wichtiges Zeichen der Wertschätzung „50-Euro-Hilfen“ für die bedürftige Minderheit in Tschechien

15.07.2016 12:23

Den Fragebogen für die Antragstellung zur Neuaufnahme erhalten Sie beim Sozialwerk der Ackermann-Gemeinde in München oder von der Sdružení Ackermann-Gemeinde in Prag.

 

Folgende Zeilen beschreiben die 50 Euro-Hilfe:

„Wir freuen uns, dass es die Ackermann-Gemeinde gibt und sie uns finanziell unter die Arme greift. Mit unseren kleinen Renten kommen wir gerade noch von einem Rentenerhalt zum anderen (…) Aber wir sind bescheiden und fühlen uns nicht verlassen. Es ist schön, dass es Sie gibt und wir wünschen Ihnen viel Freude und Gottes Segen bei Ihrer Arbeit.“ So schrieb eine 79-jährige Deutsche aus Šumperk/Mährisch Schönberg. Dem Brief lag der aktuelle Rentenbeleg der alten Dame bei.

 

Jährlich gehen beim Sozialwerk hunderte Dankbriefe dieser Art ein. Tausende Briefe und Belege füllen inzwischen zahllose Ordner. Die finanzielle Ausstattung für diese „Sozialhilfen“ erhält das Sozialwerk vom Bundesministerium des Innern (BMI). Die Mittel müssen jährlich beantragt werden, die Rentenhöhen der betreuten Personen werden laufend aktualisiert. Die Verwendung der Förderung muss dem BMI nachgewiesen werden. Das Prager Büro der Sdružení Ackermann-Gemeinde ist bei der Abwicklung der Hilfen eine unersetzliche Stütze. Um die Wende 1989/90 wurden noch fast 2000 Personen betreut. Viele sind seither verstorben. Dadurch hat sich die Zahl auf ca. 750 verringert.

 

Eines aber hat sich nicht verändert: Die Unterstützung der deutschen Minderheit bleibt unverändert von doppelter Relevanz: Während aus deutscher Sicht 50 Euro im Jahr vielleicht vernachlässigbar erscheinen, sind die Empfänger dieser Hilfen aus ihrer finanziellen Not heraus dankbar dafür. Sie lindert zumindest ein wenig die materielle Not dieser lange „verschwiegenen Minderheit“. Jahrzehnte lang wurden Deutsche in der Tschechoslowakei diskriminiert. Es war ihnen oft nicht gestattet, höhere Schulen zu besuchen. Häufig konnten sie nur einfache Berufe erlernen oder mussten Zwangsarbeit leisten. Das hat sich negativ auf ihre Rentenhöhe ausgewirkt.

 

Doch ebenso wichtig ist der ideelle Aspekt. Durch die Jahrzehnte lange Unterdrückung und Benachteiligung lag das Selbstbewusstsein der Deutschen am Boden. Lange hat es bei manchen gedauert, bis sie es nach der Wende wagten, sich als Deutsche zu bekennen. Groß war das Misstrauen. Dies haben auch die politisch Verantwortlichen erkannt. Fünf Jahre lang durften keine neuen Personen mehr in die Betreuung aufgenommen werden. Jetzt ist es wieder möglich, dem BMI Neuanträge zur Genehmigung vorzulegen. Die „drüben“ verbliebenen Deutschen empfinden auch heute diese Unterstützung vor allem als humanitäre Geste, als Anerkennung und bescheidene Linderung ihres Kriegsfolgenschicksals. Sie wissen: Deutschland, ihre Landsleute in der Bundesrepublik Deutschland, die deutsche Bundesregierung haben sie nicht vergessen.

 

Ende 2015 hat das BMI neue Förderrichtlinien erarbeitet. Es hat die Definition der Bedürftigkeit konkretisiert und eine entsprechende Rentengrenze festgelegt. Liegt die Rente über dieser Grenze, ist eine Betreuung ausgeschlossen. Ebenso bezieht sich die Unterstützung nur auf Angehörige der so genannten „Erlebnisgeneration“. Dies sind mit Blick auf die Benachteiligung der Deutschen nach Ende des Zweiten Weltkrieges und insbesondere in den ersten Jahren der kommunistischen Herrschaft Personen, die vor dem 01.01.1948 geboren sind.

 

Das Sozialwerk der Seligergemeinde hat Mitte 2015 seine Arbeit beendet. 41 Jahre lang hat es neben dem Sozialwerk der Ackermann-Gemeinde bedürftige Deutsche in Tschechien betreut. Mit Genehmigung des Bundesministeriums des Innern hat das Sozialwerk der Ackermann-Gemeinde die Betreuungsfälle der Seligergemeinde übernommen, wenn die jeweiligen Personen der Übernahme zugestimmt haben.