Versöhnung, Begegnung und 80 Jahre Ackermann-Gemeinde – ein Wochenende in Leitmeritz

Vom 18. bis 20. September 2026 kamen in Litoměřice/Leitmeritz Mitglieder und Freunde der Ackermann-Gemeinde aus Tschechien und Deutschland zu einem besonderen Wochenende zusammen. Die Begegnung begann bereits am Freitag im Diözesanhaus Kardinal Trochta, das während des Wochenendes zum gemeinsamen Treffpunkt der Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurde.
Anlass waren gleich zwei Themen, die eng miteinander verbunden sind: das 80-jährige Bestehen der Ackermann-Gemeinde und das von Erzbischof Stanislav Přibyl ausgerufene "Jahr der Versöhnung" in der Diözese Leitmeritz. So wurde das Wochenende zu einer Verbindung von Erinnerung und Gegenwart, von Gebet und historischer Reflexion – vor allem aber von persönlicher deutsch-tschechischer Begegnung.
Für die Ackermann-Gemeinde war Leitmeritz dabei ein besonders passender Ort. Seit ihrer Gründung vor 80 Jahren gehört die Versöhnung zwischen Deutschen und Tschechen zu ihren zentralen Aufgaben. Was 1946 unter den Erfahrungen von Krieg, Vertreibung und Heimatverlust begann, entwickelte sich über die Jahrzehnte zu einem Engagement für Dialog, Verständigung und eine gemeinsame europäische Zukunft. In Leitmeritz wurde deutlich, dass dieser Auftrag auch nach acht Jahrzehnten nichts von seiner Bedeutung verloren hat.
Begegnung und Geschichte
Der Samstagvormittag begann mit der Mitgliederversammlung der Sdružení Ackermann-Gemeinde. Neben einem kurzen Rückblick auf das Jahr 2025 stand dabei vor allem der Blick auf die kommenden Aufgaben und Projekte bis 2027 im Mittelpunkt.
Parallel dazu machten sich die rund 20 aus Deutschland angereisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf den Weg zu einem Spaziergang durch Leitmeritz. Geführt wurden sie von Martin Barus, Archivar des Bistums Leitmeritz, der ihnen die Stadt, ihre Geschichte und ihre Besonderheiten näherbrachte.
Anschließend kamen die deutschen und tschechischen Teilnehmer wieder zu einem gemeinsamen historischen Programm zusammen. Hynek Oberhel vom Staatlichen Gebietsarchiv in Litoměřice mit Sitz in Lovosice widmete sich in seinem Vortrag insbesondere den Jahren 1945 und 1946 in der Diözese Leitmeritz. Martin Barus, Archivar des Bistums Leitmeritz, ergänzte diesen historischen Blick um die weitere Entwicklung nach diesen entscheidenden Nachkriegsjahren bis in die Gegenwart. Die anschließende Diskussion wurde von Miroslav Kunštát, Historiker und Archivar sowie Professor für
deutsche und österreichische Studien an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Karls-Universität in Prag, moderiert.
Gerade diese Verbindung verschiedener zeitlicher Perspektiven entsprach dem Anliegen des gesamten Wochenendes: Geschichte nicht isoliert zu betrachten, sondern danach zu fragen, welche Folgen sie bis heute hat – und wie aus der Erinnerung Verantwortung für die Gegenwart entstehen kann.
Das Jahr der Versöhnung
Am Nachmittag schloss sich die Gruppe dem Programm des "Jahres der Versöhnung" der Diözese Leitmeritz an. Um 14 Uhr begann am ehemaligen Krematorium Richard eine Gedenk- und Gebetsveranstaltung unter Leitung von Erzbischof Stanislav Přibyl.
In einem vorbereiteten Text des Historikers Jaroslav Šebek, der bei der Gedenkveranstaltung verlesen wurde, wurde an die Kriegs- und Nachkriegsgeschichte von Leitmeritz und der Region sowie an die besondere Persönlichkeit des damaligen Leitmeritzer Bischofs Anton Weber erinnert, der sich in einer Zeit zunehmender nationaler Gegensätze um Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen bemüht hatte. Monika Marková brachte anschließend mit der Geschichte ihrer eigenen deutsch-tschechischen Familie eine sehr persönliche Perspektive auf die schwierige Nachkriegszeit ein.
Nach dem Gebet am ehemaligen Krematorium führte ein gemeinsamer Weg über den jüdischen Friedhof zum zentralen Kreuz des städtischen Friedhofs. Dort kamen noch einmal verschiedene Stimmen zu Wort, die den Gedanken der Versöhnung in die Gegenwart übertrugen.


Dr. Martin Schmidt, Vertreter der Deutschen Botschaft in Prag, dankte Erzbischof Přibyl für seine Initiative zum Jahr der Versöhnung und für die kontinuierliche Arbeit an den deutsch-tschechischen Beziehungen. Versöhnung, so machte er deutlich, könne nicht einseitig geschehen. Sie brauche den anderen, die Bereitschaft zur Vergebung und die Hoffnung, dass beide Seiten aufeinander zugehen.
Für die Ackermann-Gemeinde sprach die stellvertretende Bundesvorsitzende Marie Bode. Sie erinnerte daran, dass die Teilnehmer nicht allein wegen der Erinnerung an die Vergangenheit nach Leitmeritz gekommen seien. Entscheidend sei ebenso die Suche nach Versöhnung, Vergebung und einem gemeinsamen Weg in die Zukunft.
Dabei schlug sie zugleich die Brücke zur Geschichte der Ackermann-Gemeinde. Diese sei vor 80 Jahren nicht nur als Gemeinschaft für Menschen entstanden, die ihre Heimat verloren hatten. Von Anfang an gehörten auch Vergebung und die Vermittlung zwischen Deutschen und Tschechen zu ihren wesentlichen Aufgaben. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs eröffneten sich schließlich ganz neue Möglichkeiten, offen über die gemeinsame Vergangenheit zu sprechen und durch Begegnung und Dialog wieder zueinanderzufinden.
Marie Bode verband diesen Rückblick mit einer sehr persönlichen Zukunftsperspektive. Als Mutter zweier Kinder, die in einem deutsch-tschechischen Umfeld aufgewachsen sind und sich als Europäer verstehen, äußerte sie den Wunsch, dass auch kommende Generationen die Möglichkeit behalten, miteinander zu sprechen, einander zuzuhören und Missverständnisse im Dialog zu überwinden.
Zum Abschluss bestand die Möglichkeit, am Grab von Bischof Anton Weber still zu beten.

80 Jahre Ackermann-Gemeinde
Am Abend verlagerte sich der Schwerpunkt von der historischen Erinnerung auf das Jubiläum: Im Bischofshaus feierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gemeinsam das 80-jährige Bestehen der Ackermann-Gemeinde.
Musikalisch begleitet wurde der Abend vom Fama Quartett. Neben zwei kurzen Sätzen von Wolfgang Amadeus Mozart erklangen Werke von Komponisten, deren Lebenswege mit dem Ghetto Theresienstadt verbunden waren: Hans Krása und Gideon Klein. Damit wurde auch musikalisch eine Verbindung zwischen Erinnerung, Kultur und dem deutsch-tschechisch-jüdischen Schicksalsraum dieser Region geschaffen.
Der Bundesvorsitzende der Ackermann-Gemeinde e. V., Clemens Heinz, erinnerte in seinem Beitrag auch anhand persönlicher Erfahrungen an seine eigene Verbindung zu Leitmeritz. Zugleich blickte er auf die Rolle der Ackermann-Gemeinde in den deutsch-tschechischen Beziehungen zurück – sowohl in der Zeit des Kommunismus, als direkte Begegnungen und Kontakte über die Grenze hinweg schwierig waren, als auch auf die völlig neuen Möglichkeiten, die sich nach 1989 eröffneten.
Einen besonders persönlichen Akzent erhielt der Abend durch ein kurzes Gespräch, das Petr Křížek mit Erzbischof Stanislav Přibyl führte. Dabei ging es um dessen eigene Erfahrungen mit der Ackermann-Gemeinde und um die Bedeutung der Organisation für die deutsch-tschechischen Beziehungen. Zugleich wurde dem Erzbischof dafür gedankt, dass er selbst Mitglied der Sdružení Ackermann-Gemeinde ist.
Für die Zukunft wünschte er der Ackermann-Gemeinde Ausdauer, Kraft und Gottes Segen. Und natürlich durfte auch sein charakteristischer Humor nicht fehlen: Er wünsche sich, dass künftig mehr Tschechen Deutsch lernen würden. Die Deutschen müssten dagegen nicht unbedingt Tschechisch lernen – schließlich sei diese Sprache ohnehin viel zu schwer.
So endete der intensive Samstag nicht nur mit einem Blick zurück auf acht Jahrzehnte Ackermann-Gemeinde, sondern vor allem in einer freundschaftlichen Atmosphäre, die zeigte, was aus einer ursprünglich von den schweren Erfahrungen des 20. Jahrhunderts geprägten Initiative inzwischen geworden ist: eine lebendige Gemeinschaft von Menschen beiderseits der Grenze.


Ein gemeinsamer Abschluss
Am Sonntag kamen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch einmal zum Gottesdienst im St.-Stephans-Dom zusammen. Nach einem Wochenende voller Gespräche, Erinnerungen, Begegnungen und gemeinsamer Wege bildete die Eucharistie einen passenden geistlichen Abschluss.
Das Leitmeritzer Wochenende zeigte dabei auf besondere Weise, dass Erinnerung und Versöhnung keine Gegensätze sind. Die Vergangenheit lässt sich nicht verändern. Aber die Art und Weise, wie wir mit ihr umgehen, liegt in unserer Verantwortung.
Gerade darin liegt auch nach 80 Jahren eine wesentliche Aufgabe der Ackermann-Gemeinde. Was unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg unter völlig anderen politischen und gesellschaftlichen Bedingungen begann, lebt heute in persönlichen Begegnungen, gemeinsamen Projekten und Freundschaften zwischen Deutschen und Tschechen weiter.
Leitmeritz war deshalb nicht nur ein Ort, um ein Jubiläum zu feiern. Das Wochenende war zugleich ein Zeichen dafür, dass Versöhnung kein abgeschlossener historischer Prozess ist. Sie muss immer wieder neu mit Leben gefüllt werden – indem Menschen einander begegnen, miteinander sprechen, gemeinsam erinnern und bereit sind, einander zuzuhören.
Unser herzlicher Dank gilt allen Mitgliedern der Sdružení Ackermann-Gemeinde sowie den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Ackermann-Gemeinde aus Deutschland, die den Weg nach Leitmeritz auf sich genommen und durch ihre Anwesenheit und ihre persönlichen Begegnungen dieses Wochenende mit Leben gefüllt haben.
Ebenso danken wir allen, die an der Vorbereitung und Durchführung der Begegnung mitgewirkt haben – insbesondere den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Bistums Leitmeritz sowie dem Team des Diözesanhauses Kardinal Trochta für die Gastfreundschaft und Unterstützung. Ohne das Engagement vieler Menschen auf deutscher und tschechischer Seite wäre ein solches Wochenende der Begegnung und Versöhnung nicht möglich gewesen.
